Freyja

Heute noch nennen wir diese große germanische Göttin täglich beim Namen – wenn auch ganz unbewusst und in etwas abgewandelter Form: unsere Anrede Frau leitet sich von Freyja her und bedeutet Herrin, Gebieterin. Sitzen wir Frauen da nicht gleich ein bisschen gerader, aufrechter, selbstbewusster? Und lächeln freudig und gleichberechtigt unserem Herren und Gebieter zu?

Ohne Freyja ging in alten Zeiten gar nichts. Sie war die große Mutter Göttin, auch Großmutter Göttin der Germanen und wurde gebeten um Schutz und Begleitung in allen Lebenslagen.

Die Menschen gaben ihr unzählige Namen: als Erdgöttin hieß sie Hertha oder Eartha – wir hören diesen Wortstamm immer noch in der Erde (sowohl im Englischen wie im Deutschen). Sie wurde Syr genannt, die „Große Sau“, die verheiratet war mit dem Eber Freyr. Das kommt uns heute sehr seltsam vor, doch in jenen Ur-Zeiten wurden Schweine sehr verehrt und geschätzt, weil sie als Muttertiere viele Nachkommen zur Welt brachten, sie gut versorgten und auch die Menschen ernährten. Freyja wurde angerufen als Göttin der Liebe und des Glücks, der Gesundheit und der Fruchtbarkeit, Göttin der Unterwelt, des Todes und der Geburt, als Himmelskönigin, Mondschein über dem Meer, Herrin des Schicksals, der Sterne, der Magie.

Freyja gehört zu dem Geschlecht der Wanen, einer alten Bauern- und Seefahrerkultur, bei denen das Mutterrecht galt. Die Wanen standen in tiefer Verbindung mit der Natur und all ihren Kräften, waren friedliebend mit hohem Sinn für Kunst, Schönheit und Reichtum. Sie beherrschten machtvolle magische Techniken, die mehr zählten als alles Gold, von dem sie genug besaßen. Zum Beispiel konnte Freyja mit ihrem Zaubermantel aus Federn so schnell und weit fliegen wie ein Vogel.

Aus dem Osten kam ein patriarchal organisiertes Reitervolk, die Asen. Sie brachten ihre eigenen Götter mit, Götter der Eroberung und des Krieges. Es heißt, dass sie über einen anderen Zauber verfügten, den Wortzauber. Das magische Wissen der Wanen lehnten sie ab, mit Ausnahme von Odin, der diese Kunst der Magie und göttlicher Macht von Freyja lernte. Die Asen überfallen die Wanen und ein lang andauernder Krieg zwischen den Götterfamilien entbrennt. Da keine Seite siegen kann, kommt es schließlich zur Versöhnung. Danach hört man von einer eigenständigen Wanenfamilie nichts mehr.

Freyja liebte Schmuck und Geschmeide. Nicht weit von ihrem Palast gab es eine Höhle, in der vier Zwerge lebten, die sehr geschickte Goldschmiede waren. Freyja hatte bei ihnen ein goldenes Halsband gesehen, das Schönstes, das je geschmiedet wurde. Und das wollte sie unbedingt besitzen. Sie war bereit, jeden Preis zu zahlen, doch Zwerge, als Hüter aller Bodenschätze, brauchten kein Gold.

„Teile mit jedem von uns eine Nacht, dann wird Brisingamen Dein sein“. Wer sind die Zwerge, die in der Höhle wohnen? Sie sind die dunklen Anteile der Göttin, die auch sie nicht angeschaut, sondern wegsperrt hat. Weggesperrt ins dunkle Reich unter der Erde, wo es weder gesehen, noch gefunden wird. Dabei wohnt dort unten die Kraft, die tiefe Verbindung mit der Quelle. Der Göttin graust es davor, in die Höhle zu steigen, aber sie will unbedingt diesen wunderschönen Schmuck Brisingamen. Also verbindet sie sich mit ihren Schatten. Viermal steigt sie abends in die Höhle; am Morgen des fünften Tages kommt sie lachend mit Brisingamen an ihrem Hals wieder hervor. Unwiderstehlich ist sie – nicht wegen des Schmuckstücks, sondern weil sie ganz geworden ist, weil sie sich all ihren Anteilen hingegeben und in sich vereint hat.

Freyja selbst lebt und liebt die Liebe. Sie ist die erotischste der germanischen Göttinnen. Katzen sind ihre Lieblingstiere, sie ziehen den Wagen, mit dem sie durch die Himmel reist. In früheren Tagen sangen die Menschen ihr zu Ehren viele Liebeslieder und heirateten unter ihrem Schutz. Immer noch ist der Freitag der beliebteste Tag für Hochzeiten, der Tag der Freyja. Wer sich dessen bewusst ist, kann sich auch heute noch von der alten Muttergöttin und ihrem Segen durch eine glückliche Ehe begleiten lassen.

In einem besonderen grünen Kraut, das auch im hohen Norden überall auf den Wiesen wächst, fanden die Menschen ihre Göttin zu ihren Füßen. Besonders bei abnehmendem Mond stillt es Blutungen, schließt Geburtswunden und ist hilfreich bei allen Frauenproblemen von der Pubertät bis zu den Wandeljahren. Der Frauenmantel (Alchemilla xanthochlora) ist das Geschenk Freyjas.

 

Botschaft der Freyja

Erinnerst Du dich an mich? Ich lebe in Dir, in Deiner Mitte. Ich lebe dadurch, dass Du mich spürst. Ich erinnere Dich an Dein Geheimnis, an Deinen Schatz, der tief in dir verborgen ist und dem Du vielleicht manches Mal zu wenig Beachtung schenkst. Er könnte der Tropfen der Weisheit sein. Sei achtsam für das, was in Dir wachsen will und nimm es wichtig auf Deine ureigne Art. Vergiss, was andere gesagt haben und noch dazu sagen könnten. Lass die Rollen los, die nicht zu Dir gehören. Höre auf mich, Deine innere Stimme, die Stimme der Göttin in Dir. Fühle die Kraft, die Dich schon bei unserer ersten Begegnung belebt. Ich helfe Dir jeden Tag wieder, Dir selber treu zu sein. Und Du wirst fühlen, wie selbstverständlich Dir die Kraft ins Fließen kommt. Im Einklang mit Dir, der Natur und dem Leben wirst Du ungeahnte Freuden erleben.

Übrigens, ich bin Freyja und bin Göttin aller Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Ich bringe Glück und Leidenschaft auch den Männern, die sich an mich erinnern.